DAS MÄRCHEN VON DER EULE UND DEM STERN
Es war einmal eine Eule. Die war verliebt in einen Stern. Das mag man vielleicht nicht glauben, aber so etwas gibt es!
Jeden Abend, wenn die Eule es sich auf ihrem Ast bequem machte, um von dort ihr Reich zu betrachten, erstrahlte der Stern am Himmel. Ganz ruhig stand er da und erfreute die Eule mit seinem Licht.
Besonders aber liebte sie es, wenn er dann und wann blinkte. Dann war ihr so, als zwinkere er ihr zu!
Es gab auch Nächte, wo sie ihn nicht sehen konnte. Wenn dunkle Wolken sich vor ihn schoben oder dichter Nebel ihn verhüllte. Dann litt die Eule still. Und freute sich umso mehr, wenn der Blick auf ihn wieder frei wurde.
Eines Abends im November geschah etwas merkwürdiges: der Stern wurde blaß. Und blasser. Milchig weiß und seltsam gläsern hing er am Firnament. Seine Konturen verschwammen. Krank sah er aus, der Stern.
Die Eule machte sich große Sorgen. Ihr Stern war krank, was konnte sie nur tun? Da sie sich selber keinen Rat wußte, begann sie, die Tiere zu fragen, die des nachts an ihrem Baum vorbeieilten.
"Halt ein!" rief sie dem Eichhörnchen zu, "verweile ein wenig!"
"Was gibt es? fragte das Eichhörnchen geschäftig, eine Nuß zwischen den Zähnen hin- und herrollend.
"Mein Stern ist krank und ich weiß nicht, wie er gesund werden kann. Hast du einen Rat für mich?"
"Nein", erwiderte das Eichhörnchen ungeduldig. "Muß weiter, ist nicht mehr lang bis zum Winter!"
Als nächstes kam das scheue Reh vorbei.
"Warte doch!" rief die Eule. "Ich brauche einen Rat! Wie kann man einen Stern gesund machen?"
"Weiß nicht. Halte mich nicht auf, nachts ist es gefährlich im Wald!"
Traurig blickte die Eule zu ihrem Stern empor. Kränklich weiß sah er aus. Leichenblaß.
"Ich muß einen Weg finden, ihn gesund zu machen. Ich muß, ich muß!"
Grunzend näherte sich das Wildschwein.
"Du!", rief die Eule. "Weißt Du, wie man Sterne gesund macht?"
"Ich weiß, wie man Wiesen umpflügt, um Eßbares zu finden, aber das.... nein."
Plötzlich huschte der der schlaue Fuchs vorüber.
"Der wird es wissen", dachte die Eule und bat ihn um Rat.
"Hast Du keine anderen Sorgen?" höhnte der Fuchs.
"Sieh lieber zu, daß du heute nacht gut Beute machst!"
Verzweifelt wandte die Eule ihre Augen zum Himmel. Doch was war das? Ein glühender, roter Ring umrahmte ihren Stern, - mal schien er leicht zu glühen, mal lichterloh zu brennen.
"Er hat Fieber!" schrie die Eule. "Es geht ihm schlechter! Was kann ich nur tun?"
Da zog majestätisch der Hirsch am Eulenbaum vorbei.
"Oh, warte doch, König der Wälder!" sprach die Eule ihn an. "Du mußt so weise sein. Mein Stern ist krank und ich befürchte, daß er sterben wird! Wie kann er wieder gesund werden?"
"Ich würde dir ja gerne helfen", entgegnete der Hirsch. "Doch leider weiß ich keinen Rat. Aber ich wünsche dir alles Gute!"
Die Eule befrug noch den Hasen, das Wiesel und den Dachs, sprach den Luchs und die Ratte an und den Raben, der am frühen Abend auf ihrem Ast eine Rast einlegte. Doch keiner von ihnen wußte, wie man einen Stern gesund machen kann.
Die Eule weinte. Ihr Stern war kaum noch zu sehen. Ein winziges, wässrig schimmerndes blaßgelbes Lichtlein. Er würde sterben, dessen war die Eule gewiß.
"Du!" erklang ein schwaches Stimmchen vom Boden des Baumes herauf zu der trauernden Eule. "Warum weinst du?"
Die Eule erblickte am Fuße des Baumes die graue Maus.
"Ach, wie könntest du mir helfen, klein und schwach, wie du bist? Und warum fürchtest du dich nicht vor mir?"
"Heute nacht wirst du mir nicht nachstellen, weil du so traurig bist."
"Stimmt!" sagte die Eule und begann, von ihrer Liebe zu dem Stern und seiner Krankheit zu sprechen.
"Vielleicht solltest du ein Lied für ihn singen", riet die Maus. "Das kann Wunder wirken!"
Sprach's und war verschwunden.
- In der Nacht hatte die Eule einen Traum. Sie hörte sich selber singen. Da sie auch im Traum noch wußte, daß sie nicht singen konnte, mußte sie lachen. So sehr, daß sie davon aufwachte.
Lachend saß sie auf ihrem Ast, und aus dem Lachen entstanden Töne, die sie höchst verwunderten. Aber sie konnte nicht aufhören. Und die Töne aus ihrer Eulenkehle verwandelten sich in feine Klänge, die zum Himmel stiegen. Sie sang! Sie sang, und sie sang ihrem Stern ein Lied!
Und es geschah ein Wunder: der rötliche Schein verschwand. Die Blässe ging zurück. Das schöne Gelb kehrte wieder. Schon erstrahlte der Stern in seinem alten Glanz! Und dann begann er zu blinken!
"Wie kann das sein?!" rief die Eule aus. "Wieso kann ich singen? Und warum macht mein Gesang den Stern gesund?"
- Wir wissen es nicht. Wir können es nur ahnen. Doch so hat es sich zugetragen, in einem Wald vor nicht allzu langer Zeit. Die Maus kann es bezeugen, denn sie hat alles mitangesehen.
Und so leuchtet der Stern nun wieder jeden Abend am Himmel.
Die Eule aber, die singt jetzt jeden Abend ein Lied für ihn.
Und wenn sie nicht gestorben sind, so leuchten und singen sie noch heute.
(Vor zwei Jahren auf besonderen Wunsch für Noomi
ausgedacht, aufgeschrieben und gerade wiedergefunden!)